(Neue) Mittelschule: eine neue Regelschule?

Wir befinden uns im Jahre 2018 n. Chr. Ganz Österreich ist von (neuen) Mittelschulen besetzt… Ganz Österreich? Nein! Mehrere von kritisch hinterfragenden Pädagogen bevölkerte Schulen hören nicht auf, sich Gedanken um die Erschaffung einer besseren Regelschule zu machen und Widerstand zu leisten…

In der aktuellen Diskussion um Bildungsreformen taucht immer wieder die (neue) Mittelschule (ist sie jetzt noch so neu?) als Schlagwort für eine bessere Schule auf. Sind demnach alle Hauptschulen schlechte Schulen? Ich weiß, dass es nicht so ist. In vielen Schulen, egal welcher Art, leisten bemühte und berufene KollegInnen Tag für Tag sehr gute Arbeit und versuchen die Kinder und Jugendlichen bestmöglich auf das Leben nach der Schule vorzubereiten.

Warum sehen dann  fast alle Parlamentsparteien – Ausnahme: FPÖ und die Grünen – die NMS als Lösung aller Probleme? Kann die NMS ihre Erwartung an sie – nämlich die Einrichtung eines „Jahrhundertprojekts“ und eines „epochalen Werks“ (http://www.spoe.at/neue-mittelschule-wird-regelschule.html; letzter Zugriff am 16.12.2011) – wirklich erfüllen?

Im Rahmen einer pädagogischen Konferenz an unserer Schule im November diskutierten wir den Gesetzesentwurf des Unterrichtsministeriums (http://www.bmukk.gv.at/medienpool/21330/nms_entwurf.pdf; letzter Zugriff am 16.12.2011), und meiner Meinung nach gibt es in diesem Entwurf einige Sachen, die kritisch hinterfragt werden müssen:

* Zuerst fällt auf, dass die einzelnen Gesetze (Schulorganisationsgesetz, Schulunterrichtsgesetz, etc.) bestehen bleiben und nur die magischen Worte „Neue Mittelschule“ den einzelnen Paragraphen hinzugefügt werden. Ist dieses „epochale Werk“, dieses „Jahrhundertprojekt“ – um unsere Frau Bildungsministerin und deren Partei noch einmal zu zitieren – in Wahrheit nur ein Etikettenwechsel? Wie viel (Steuer-)Geld wurde für Expertisen, Änderungsvorschläge, Umbennungsmaßnahmen an den Schulen, etc. ausgegeben, nur damit ich eines Tages an der gleichen Schule mit anderem Namen unterrichte? Laut Unterrichtsministerium belaufen sich die Gesamtkosten der Umstellung von 2012 bis 2018 auf 1,345 Milliarden Euro!
(http://www.bmukk.gv.at/medienpool/21333/20111025a.pdf, S.5; letzter Zugriff am 16.12.2011)

* Warum halten unsere Volksvertreter (vor allem die ÖVP) noch immer an der AHS (allgemeinbildende höhere Schule = Gymnasium) fest?

„„Die Neue Mittelschule heißt nicht Gesamtschule“,(…), „Die Neue Mittelschule bedeutet Förderung unterschiedlicher Begabungen.“ Und das Gymnasium bleibt.“

(Vizekanzler Spindelegger, http://www.oevp.at/index.aspx?pageid=55951; letzter Zugriff am 16.12.2011)

Bei solchen Aussagen habe ich das Gefühl, dass manche Politiker der NMS dann doch nicht sooo vertrauen, sonst würden sie ja die AHS mit der HS zu einer NMS fusionieren können?! Aber nein! Wir haben ab 2018 wieder ein duales Schulsystem! Wieso? Wollen wir in Österreich eine Gesamtschule nach finnischem Vorbild – Finnland schneidet wahrscheinlich nicht zu Unrecht bei internationalen Bildungsstudien permanent bestens ab -, oder nicht? Wollen wir eine große Schulreform (wobei damit auch eine gravierende Reform in der Pädagogik-Ausbildung mit einhergehen muss!), oder wieder nur eine typisch österreichische Kompromisslösung und einen Sieg der Ideologie?

* Es besteht die große Gefahr, dass unverbindliche Übungen – und dazu gehören essentielle Sachen, wie u.a. Soziales Lernen – bei einer NMS komplett gestrichen sind. Im Gesetzesentwurf ist nirgendwo die Rede von UÜs im Lehrstoff, außer der Einführung in die Informatik. An unserer Schule wurde die Forderung nach mehr Sozialen Lern-Stunden laut. Falls wir in Zukunft eine NMS werden, haben wir keine SL-Stunden mehr. Dass dies dem Klassen- und damit verbunden dem Schulklima nicht zuträglich ist, versteht sich von selbst.

* Als NMS kann man eine Kooperation mit einer AHS oder BHS (berufsbildende höhere Schule, wie HTL, HLW, etc.) eingehen. LehrerInnen aus diesen Schulen kommen also für eine gewisse (vernachlässigbare) Stundenzahl an die NMS, um gemeinsam (oder auch nicht?) mit dem NMS-Lehrer zu unterrichten.
Welche(r) Direktor(in) einer AHS oder BHS leiht seine besten LehrerInnen an eine NMS aus? Kaum einer. Welche LehrerInnen wird er/sie dann schicken? Rate mal…
Außerdem: wie wird koordiniert? An der NMS oder an der AHS/BHS? Bekommt man die Zeit und Fahrtkosten für diese Koordinationen entgolten? Oder ist das ein weiterer Fall für den lehrer-typischen „good will“-Einsatz (in anderen Worten: kann man eh gratis machen…)?

* Wie sieht die Praxis an bereits bestehenden NMS aus? Dazu ein interresanter Artikel aus der Presse: http://diepresse.com/home/bildung/schule/pflichtschulen/713409/Neue-Mittelschule_Mehr-Nachteile-als-in-Hauptschulen (letzter Zugriff am 16.12.2011).
Roman Herbst, Direktor der NMS Gmunden in Oberösterreich sieht sogar die Schulautonomie in Gefahr
Auch der Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie), Josef Lucyshyn, übt Kritik: http://diepresse.com/home/bildung/schule/pflichtschulen/712480/Experten-ueben-Kritik-an-Neuer-Mittelschule?direct=713409&_vl_backlink=/home/bildung/schule/pflichtschulen/713409/index.do&selChannel= (letzter Zugriff am 16.12.2011).

Meine Gefühle gegenüber der Einführung der NMS sind gemischt. Ich vermisse wirklich Neues, Innovatives, Helfendes, das ich bei einem solch finanziellen Aufwand eigentlich erwarten könnte. Bestärkt werde ich in meiner skeptischen Haltung durch Erzählungen aus bereits bestehenden NMS, wo diese epochalen Reformen dann doch nicht zu epochalen Veränderungen geführt haben. Je mehr ich über mögliche Folgen einer Einführung der NMS im österreichischen Regelschulsystem nachdenke, desto weniger Begeisterung kann ich dafür aufbringen. Zu viele Forderungen bzw. Neuerungen gibt es, die in der Praxis schwer bis kaum umzusetzen sind.

Naja gut, spätestens 2018 bin ich dann nicht mehr Hauptschullehrer, sondern (Neuer) Mittelschullehrer. Bin ich dadurch ein besserer Lehrer? Ist die Hauptschule schlechter als die (Neue) Mittelschule? Oder gibt es doch Leute, wie Asterix und die Gallier, die sich nicht alles vorschreiben lassen? To be continued…

4 Antworten zu (Neue) Mittelschule: eine neue Regelschule?

  1. Scha sagt:

    Gut recherchiert!!
    Solange es in der Bildungspolitik nur um Ideologien geht, wird sich kaum etwas verbessern. Die großen Sprünge bleiben aus, man wechselt Schilder, Konzepte wandern (wieder einmal) in die Schubladen oder in den Mülleimer – viel Lärm um nichts.
    Schulversuchen – so wie jenem der NMS – sollte man die notwendige Zeit zur Evaluierung geben um seriöse Ergebnisse zu erhalten. Hier kann ich Bifie Chef Lucyshyn nur beipflichten: Ist man im Ministerium überhaupt interessiert an datenbasierten Ergebnissen??

    • Amen. Mir kommt es außerdem so vor, als ob man seit den PISA-Ergebnissen der letzten paar Jahre ganz schnell das Allheilmittel sucht, und in der NMS scheinbar gefunden hat. Nur dass Schnellschüsse ganz schnell auch nach hinten losgehen können verdrängt man in der Politik gekonnt…

  2. geli sagt:

    Ich bin gerade zufällig auf dieser Seite gelandet. Ich habe selbst einen Sohn in der ersten/zweiten NMS. Wir haben gute Erfahrungen mit dem Konzept. Wir fanden engagierte Lehrer vor, die das Teamteaching genießen und die Kinder davon profitieren lassen. Allerdings ist der Schulversuch NMS ab September Regelschule, was bedeutet, daß der Fächerkanon und der Schwerpunkt ab September nichtmehr in der versprochenen Art gehalten werden können. Meine Frage: Gibt es nicht normalerweise beim „Schulversuch“ so etwas wie die Zusage, dass der Jahrgang auch mit den am Anfang genannten Bedingungen durch die 4Stufen geführt wird? Ich kam mir als Mutter recht überfahren vor, als es nach nur einem Jahr hieß: Alles anders.
    LG

    • Hallo Geli!
      Sry für die späte Antwort. An meiner Schule versuchen wir auch so viel wie möglich im Team zu unterrichten, was gut ist, da es mMn Lehren auf eine andere Stufe stellt und natürlich auch unsere Arbeit erleichtern kann (gewisse Voraussetzungen dafür müssen natürlich gegeben sein).
      Deine Frage bezüglich des Übergangs eines Schulversuchs in den Regelbetrieb kann ich dir leider nicht beantworten, da ich mich bei diesen Gesetzen zu wenig auskenne. Ich denke aber schon, dass bereits angefangene Schulversuche bis zum Ende der letzten Schulstufe beibehalten werden müssen. Vielleicht findet sich hier ja ein kompetenterer Mitleser (Scha, Gerda?).
      Und btw: nicht nur du als Elternteil kommst dir oft überfahren vor, wenns ums System Schule geht…😉

      Lg
      Michael

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